03.03.2010

- Manfred Koch Foto: Gernot Kühl (EZ)
Von Manfred Koch, Friseur in Eckernförde
Als ich gefragt wurde, ob ich mich an der Aktion beteiligen möchte, musste ich kurz überlegen, dann sagte ich zu. Schnell kamen Gedanken: Oh nein, worauf hast du dich nur wieder eingelassen. Kannst du das denn überhaupt? Ich stellte schnell fest, wie interessant das Thema ist und wie sehr ich mich auch unterbewusst damit beschäftigte. Ich erinnerte mich plötzlich an viele Dinge, die vergessen waren, die Zeit als der Wunsch entstand, Friseur zu werden, das Gelächter der Freunde als ich es erzählte und natürlich die Titulierungen und Vorurteile, die uns Männern in unserem Beruf ständig begleiten.
Besonders beeindruckend war damals, plötzlich so viel Nähe zu vollkommen fremden Menschen zu haben – ich war ja noch so jung. Wann geht die Selbstverständlichkeit zur Nähe eigentlich verloren? Schon im Kindergarten oder erst in der Schule? Vielleicht gehört es ja zur normalen menschlichen Entwicklung: Selbstschutz oder so? Keine Ahnung. Jetzt als „Alter Hase“ freue ich mich über sehr viele interessante Begegnungen, zum Teil über Jahrzehnte hinweg: die Kundin, deren Sohn heute Abitur macht – ich erlebte schon die Schwangerschaft, die Scheidung, die pubertären Exzesse, das Ganze „auf und ab“. Es ist schön, zu beobachten und etwas dabei zu sein. Plötzlich ist der Mensch, den man als Kunden schon lange kennt, anders, betrübt: Trennung, Krankheit, Tod? Was ist zu tun? Nachfragen oder abwarten? Was ist los? Kann ich trösten oder helfen? Ich weiß ja auch aus eigener Erfahrung, dass alles wieder gut, schön, ja oftmals besser wird. Schön wenn man bemerkt, dass ein Kunde besonders gut drauf ist: Neue Liebe, Heirat, Schwangerschaft? Manche machen sich selbstständig und eröffnen ein Geschäft – oder sind plötzlich Minister. Hurra! Wie schön! Und als Friseur ist man irgendwie immer dabei. Kunden werden ja auch Freunde und bereichern mein Leben. Man trifft sich, teilt Freud und Leid. Auch wir erleben ja Höhen und Tiefen in unserem ganz persönlichen Dasein. Der Tod des Vaters oder des besten Freundes, Ärger mit dem Finanzamt... Und so manchen Kunden bat ich schon um seine Meinung und um seinen Rat. Der eine oder andere musste sich meine Geschichten anhören – ob er wollte oder nicht. So soll es sein und so ist es schön.
„Das kannst du deinem Friseur erzählen“ ist ein Spruch mit vielen Wahrheiten. Kaum jemand interessiert sich für den anderen. Etwas Negatives verdirbt die Stimmung: „Lass mich mit deinem Scheiß in Ruhe.“ Aber wir sind für euch da. Wir Friseure wollen euch gut tun. Wir wollen euch helfen, dass ihr euch wohler fühlt und das nicht nur auf dem Kopf. Und gemeinsam ergibt sich, wie viel Nähe jeder zulässt.

