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Ute Stein (Vizepräsidentin Inner Wheel), Doris Neumann, Lutz Backhaus (beide PoG), Christine Thomsen (Präsidentin Inner Wheel) (von links) in der Praxis ohne Grenzen.

Die Praxis ohne Grenzen liegt in Rendsburg in der Moltkestraße.

13.12.2018

Rendsburg – Es sind nur drei Treppenstufen in die Praxis. Die Menschen hier sind freundlich und tragen hellblaue Polo-Shirts. Keine Stockwerke, kein Gemuffel, keine Arztkittel: Das Team in der Moltkestraße 1 will Hemmschwellen abbauen und genau das sein, was auf ihren Shirts steht: eine „Praxis ohne Grenzen“ (PoG). Geld, Standesdünkel, Sprachbarrieren, das alles soll keine Rolle spielen.

„Die Praxis versorgt Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos und vertraulich“, sagt Doris Neumann, die ehrenamtlich im Praxis-Büro mitarbeitet. Und auch die Ärzte sind Ehrenamtliche. Lutz Backhaus ist von Anfang an dabei.

Der hochgewachsene Mann ist Arzt, fast dreißig Jahre lang hat er drüben in der Schleife zusammen mit seiner Frau eine allgemeinmedizinische Praxis geführt. Natürlich ist auch ein Arzt nicht gefeit vor den Zipperlein des Alters. Lutz Backhaus ist 74, der Rücken zwickt. Die meisten im Team sind im Rentenalter, doch sie wollen nicht still sitzen und am Kanal Fische zählen. Die Zuschreibung „pragmatischer Querulant“ empfindet Backhaus als Ehre. Und ohne die Arbeit hier würde ihm gehörig etwas fehlen. „Das macht richtig Spaß. Hier darf ich wirklich Arzt sein, mehr Zeit für Patienten haben, die Bürokratie ist gering.“ Als Achtjähriger hat der kleine Lutz seinen Onkel bei Hausbesuchen begleitet, der war Landarzt und nahm sich Zeit. Das hat geprägt.

Im Diakonischen Werk des Kirchenkreises Rendsburg-Eckernförde hatte man schon länger mit Sorge beobachtet, dass Menschen bei der Essenausgabe der Tafeln oder in der Notschlafstelle auch ärztlich versorgt werden mussten, aber nicht krankenversichert waren: Obdachlose, Geflüchtete, Selbstständige, die ihre KV-Beiträge nicht mehr bezahlen konnten. Also fragte die Diakonie Backhaus, „ob ich mich nicht um die Obdachlosen in der Stadt kümmern will. Aber natürlich wollte ich nicht auf der Straße Leute ansprechen, ob ihm oder ihr was fehlt“, sagt Backhaus und lächelt. Stattdessen hat er sich umgehört bei Haus- und Fachärzten, Apotheken und Kliniken, Ämtern und Sozialarbeitern. 2013 startete die Praxis ohne Grenzen.

In der Praxis arbeiten 16 ehrenamtliche Teammitglieder, geleitet wird sie von Dr. Achim Diestelkamp. Und selbst viele Fachkollegen untersuchen kostenfrei, wenn die PoG jemanden schickt; die Apotheker berechnen nur den Einkaufspreis; der Sanitätsbedarf spendet Geräte. Man kennt sich in Rendsburg, Dienstwege sind kurz und Herzen offen. Fast 170 Namen umfasst die Patientenkartei, 40 kamen allein dieses Jahr hinzu. Als Christine Thomsen von dem Projekt hörte, nickte sie. Und dann besprach sie sich und stellte einen Antrag bei Inner Wheel.

Inner Wheel („Innenrad“) ist nach eigenen Angaben eine der größten Frauenvereinigungen mit weltweit mehr als 100.000 Mitgliedern in fast 4000 Clubs. In Deutschland sind es 226 Clubs, einer davon sitzt in Rendsburg, und Christine Thomsen ist seine Präsidentin. „Wir möchten Freundschaften, soziales Engagement und internationale Verständigung fördern – das ist unser Ziel.“ Die gebürtige Französin lebt seit 40 Jahren in Rendsburg. Im vergangenen Jahr hat Inner Wheel Rendsburg bereits die hiesigen Klinikclowns unterstützt. Nun darf Thomsen erneut einen Scheck überreichen, denn erneut fand die Deutschland-Zentrale ihren Projektantrag überzeugend. Daher steht sie jetzt lächelnd zwischen den hellblauen PoG-Poloshirts von Doris Neumann und Lutz Backhaus. 1000 Euro, die Freude ist groß. Denn auch wenn alle ehrenamtlich arbeiten, entstehen teils hohe Kosten. Medikamente, Röntgen, Operationen.

Noch 2013 zog die Praxis von der Flensburger Straße in die ehemalige HNO-Praxis im Stadtteil Neuwerk. Inmitten der Königs- und Kaiser-, der Grafen- und Baron-, der Königin- und Prinzessinstraße eine Praxis für Obdachlose und Bedürftige? Ein Zufall, gewiss. Aber einer, der Backhaus gefällt. „Die sozialen Hintergründe unserer Patienten zu beleuchten, ist hier enorm wichtig“, erzählt Backhaus. „Dann kann man was bewirken. Kurz nach unserem Start zum Beispiel kam eine ältere Frau, sie weinte und wollte nie wieder zum Jobcenter. Von da an kam sie immer mal. Und irgendwann hat sie es geschafft, zum Jobcenter zu gehen und sich dort arbeitslos zu melden, also wurde sie auch wieder krankenversichert“, sagt Backhaus. Die Praxis versuche schließlich immer auch, ihre Patientinnen und Patienten zurück in die Krankenversicherung zu bekommen. „Diese Frau besucht uns heute noch ab und zu, bringt selbstgebackenen Kuchen mit und sagt strahlend: ‚Gut, dass es Euch gibt!‘ Auch für solche Geschichten arbeite ich hier.“

Thomsen nickt. Die Spende ist hier richtig.

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