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Die Brücke leuchtete und klang wirklich. - Fotos: KKRE/Søren Harms

Fast 800 Menschen kamen an die Eckernförder Holzbrücke.

Rettungssanitäter Simon Preuß berichtet. Von links: Ulrich Vogel (Pastor Dansk Kirke i Egernførde), Sönke Funck (Propst des Ev.-Luth. Kirchenkreises), Wolfgang Johannsen (Pfarrer St. Ansgar), Rainer Kluß (Pastor Borby), Philipp Bömer (Pastor Ev. Freikirche), Gunda Wohlenberg (KGR Borby, verdeckt), Michael Jordan (Pastor St. Nicolai), Simon Preuß (Leiter Rettungswache Eckernförde/Gettorf), Jochen Vick (Polizeihauptmeister Eckernförde), Jörg Sibbel (Bürgermeister Eckernförde, SPD), Carola L'hoest (Predigerin Gemeinschaft in der Ev. Kirche).

Die Holzbrücke: ein realer Ort für das Miteinander von Borby und Eckernförde - und an diesem Abend auch ein symbolischer für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

01.11.2019

Eckernförde – Carola L‘hoest schaut sich suchend um, nach links, nach rechts. Sie möchte zwei „Dankzettel“ verteilen, die beiden Adressaten dafür aber sind auf einmal fort. Eben noch standen Polizeihauptmeister Jochen Vick und Rettungssanitäter Simon Preuß neben ihr auf der Terrasse des Eckernförder Restaurants ‚Luzifer‘. Und viele der fast 800 Menschen davor haben genickt, als die Predigerin der Gemeinschaft in der Ev. Kirche darauf verwies, dass in unserer Erregungsgesellschaft schon viel zu viele Denkzettel verpasst würden – und sie stattdessen lieber „Dankzettel“ verteilen wolle. Doch nun sind ihr die Adressaten abhanden gekommen.

Was L‘hoest in diesem Moment nicht weiß: Vick und Preuß haben zwar zuvor mit ihr hier am Abend des Reformationstages auf der Terrasse gestanden und den Zuhörern davon erzählt, wie ihre Kolleginnen und Kollegen öfter mal beschimpft oder angepöbelt werden, während sie ihren Dienst tun und Menschen helfen wollen – statt sofortiger Wutkommentare, Attacken oder Videoaufnahmen von Unfallopfern wünschten sie sich mehr Toleranz, Vertrauen und Respekt für die Einsatzkräfte.

Mehr Toleranz und Vertrauen

Aber just bevor L‘hoest zu ihren „Dankzetteln“ griff, hat die beiden ein Notruf erreicht, und nun tun Vick und Preuß das, wofür sie eigentlich berufen sind: Sie kümmern sich um einen Mann, der bei der Veranstaltung an der Eckernförder Holzbrücke ihre Hilfe benötigt. Ein Notarztwagen, von den Veranstaltern zuvor ohnehin geordert, rollt vorsichtig durch die Menge. Bald mutet der Mann wieder an wie halbwegs hergestellt. Da hat Carola L‘hoest ihren Dank längst laut ins Mikrofon gesprochen und die Zuhörerschaft laut geklatscht. Die Dankzettel haben Vick und Preuß später erhalten – stellvertretend für die vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich fürs Allgemeinwohl engagieren und so unser Land zusammenhalten.

Fünf Eckernförder Kirchen und die Gemeinschaft in der Ev. Kirche haben erneut mit einer gemeinsamen Aktion am Reformationsabend dazu aufgerufen, ein starkes Zeichen zu setzen. „Die Brücke leuchtet und klingt“ war das Motto, mit dem sie Bürgerinnen und Bürger einluden, mit Liedern und Laternenlicht auf beiden Seiten der Holzbrücke friedlich und ruhig zu demonstrieren – für mehr Zusammenhalt eben und gegen die Anfeindung von Einsatzkräften. Vergangenes Jahr, der Reformationstag war erstmals gesetzlicher Feiertag, hatten sich 500 Menschen hier versammelt, um auf der Brücke und auf beiden Uferseiten miteinander zu singen.

Nun also bereits 800. Das Thema ist hochaktuell: Stellvertretend für die Veranstalter gibt Pastor Michael Jordan (St. Nicolai) am Rand dem NDR-Reporter vom Schleswig-Holstein-Magazin noch ein Interview. Luther hat damals einen Missstand in der Kirche gesehen, heute sehen die Kirchen einen Missstand in der Gesellschaft: „Wenn Einsatzkräfte angefeindet und bepöbelt werden", sagt Jordan ins Mikrofon, "wenn Politiker bedroht, angegriffen oder gar ermordet werden wie Walter Lübcke, dann ist etwas faul in der Gesellschaft. Und dann wollen wir etwas dagegen tun.“ Deshalb feiere man auch nicht in der Kirche einen Gottesdienst, sondern sei hier, auf einem öffentlichen Platz. Hinter Jordan klingt da die Musik der Borbyer Jugendband „Planlos“ bereits aus, Pfarrer Wolfgang Johannsen (St. Ansgar) begrüßt die lauschende Menge.

88 Prozent der Feuerwehrleute schon mal attackiert

Der Reformationstag sei für seine Kirche ein schmerzlicher Tag, so der Katholike Johannsen, doch über diese nun bereits eingeübte Zusammenarbeit freue er sich sehr. Philipp Bömer von der Ev. Freikirche mahnt zu mehr Gelassenheit und Freundlichkeit im Umgang miteinander – ob Amts- und Mandatsträger, ob Busfahrer oder Lehrerin, selbst Jugendliche wie die „Fridays for Future“-Initiatorin Greta Thunberg müssten derzeit zum Beispiel im Internet viel Schmutz ertragen. „Dagegen müssen wir alle etwas tun. Dafür sind wir heute auch hier. Licht vertreibt die Dunkelheit“, so Bömer.

Nachdem Michael Jordan vom Interviewten zum Interviewer geworden ist und einerseits Polizist Vick und Sanitäter Preuß, andererseits Eckernfördes Bürgermeister Jörg Sibbel die Anfeindungen auch in Eckernfördes Verwaltung schildern lässt („Wir haben Alarmknöpfe unter den Tischen der Mitarbeiter installiert“), spielen die Posaunenchöre von Borby und St. Nicolai unter der Leitung von Matthias Grunert ein weiches Intermezzo. Das ist hilfreich, um das gerade Gehörte von verbalen und körperlichen Angriffen auf Menschen, die für Gemeinde und Gemeinschaft arbeiten, etwas sacken zu lassen. Was hatte Jordan aufgezählt? „Jede zweite Mitarbeiterin, jeder zweite Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes wurde laut Umfragen schon mal attackiert. Bei den Feuerwehrleuten im Rettungsdienst waren es 88 Prozent, bei den Notärzten 80, bei den befragten Notfallsanitäter und Rettungsassistenten 91 Prozent.“

Eine Menschen-Brücke

Der Krankenwagen teilt kurz die Menge, Carola L‘hoest spricht ihren Dank aus und damit das, was wohl die meisten auf dem Platz denken. Dann fordert Borbys Pastor Rainer Kluß dazu auf, das Zentrum des Geschehens zu verlagern: auf die Holzbrücke und beide Uferseiten. Als würde er sich solidarisch erklären, zeigt sich zum nun gesungenen Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ ebenjener als Sichel über dem Hafenbecken. Und auch das folgende dänische „Du, som har tændt millioner af stjerner“ passt in Bild und Klang: „Du, der lässt leuchten Millionen von Sternen“. Die Brücke ist voller Menschen, die Uferseiten ebenfalls, als Pastor Kluß darum bittet, nun die Laternen deutlich sichtbar zu halten „und kurz darüber nachzudenken: Was kann ich für den Zusammenhalt tun?“ Und er bittet um zwei Minuten Stille.

Diese Stille.

Wenn 800 Menschen schweigen, ist das ein Geschenk. In diesem Moment wird Zusammenhalt spürbar. Und als Borbys Kirchengemeinderätin Gunda Wohlenberg das Vaterunser anstimmt und danach Pastor Ulrich Vogel von der Dänischen Kirche gemeinsam mit Propst Sönke Funck auf Dänisch und Deutsch den uralten Segen sprechen „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden“ – da hängt in Eckernfördes kalter klarer Luft unter dem goldenen Engel des Rundsilos eine Ahnung vom Weihnachtsfest. Und Frieden auf Erden.

Natürlich nicht wirklich. Natürlich hupt kurze Zeit später einer auf der Kreuzung Noorstraße, als ginge es um sein Leben. Aber es wird wohl keine und keiner der 800 gewesen sein, die die Holzbrücke zum Leuchten brachten. Und diese 800 werden sicher in den kommenden Tagen darauf achten, dass sie gelassener und freundlicher umgehen mit Sanitätern, Feuerwehr- oder Amtsleuten. Und mit Nachbarn und Nächsten.

 

 

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