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Kein Abschied von der Ostsee, aber von der Ostseeklinik: Pastorin Viola Engel geht in den Ruhestand.

27.01.2020

Damp – Wer ein wenig langsamer unterwegs ist in der Ostseeklinik Damp – nach einer Operation etwa oder auch einfach aus Muße –, der bleibt vielleicht an der Treppe vor einem hellblauen Plakat stehen. Auf jeder Etage klebt eins am Pfeiler und stellt Fragen wie "Bin ich standfest in meinem Leben?" (Erdgeschoss), "Wann musste ich mich entscheiden zwischen mehreren Wegen?" (1. Stock) oder "Wo gibt es Orte in meinem Leben, wo ich verweilen kann?" (2. Stock)

 

Hier oben im zweiten Stock gibt es solch einen Ort. Viola Engel führt in die "Lounge", einen Aufenthaltsraum für Patienten und Personal: dunkle Kunstledermöbel, guter Cappuccino und ein wandgroßes Fenster, gefüllt mit der Ostsee – januargrau ist sie an diesem Tag, aber immerhin. Lange wird die Pastorin diesen Blick nicht mehr genießen können. Denn der Engel geht in Rente.

28 Jahre mit Patienten

28 Jahre lang hat sich Viola Engel um das Seelenheil von Patienten gekümmert, anfangs am Alten Krankenhaus in Kappeln, seit 2002 dann in Damp, die ersten Jahre noch mit ihrer Kollegin Sylvia Heldt-Meyerding. Hat mit ihr eine Schlaganfall-Selbsthilfegruppe eingerichtet und ein Café für MS-Kranke angeboten, gemeinsam mit einer Künstlerin einen meditativ-kreativen Abend – und natürlich regelmäßige Gottesdienste und Besuche in den Krankenzimmern. Das Pflegepersonal empfahl sie dort stets als „eine ganz nette Pastorin", die nicht mit der Bibel unterm Arm hereinstürmt. Und so hält sie es auch in dieser Woche noch, sie begrüßt stattdessen ihr Klientel mit den Worten: "Sie kennen mich nicht, ich kenne Sie auch nicht, aber mein Name ist Engel." Das öffne Türen und Münder, sagt die Pastorin. Die 63-Jährige lacht, es ist ein breites großes warmes Lachen.

Vor einem Landwirt war sie gewarnt worden: "Der redet kein Wort, sagten die Schwestern – aber ich habe mein Sprüchlein aufgesagt, und dann erzählte er eine Dreiviertelstunde am Stück, sein ganzes Leben hat er mir erzählt, mit allen Sorgen und Nöten." Was passieren kann, wenn man für die Arbeit auf dem Bauernhof so auf seine Füße angewiesen ist und die partout nicht verheilen. Und wenn einem eine so gute Zuhörerin gegenübersitzt, aktiv, teilnehmend. Der Engel ist ein Beziehungsmensch, und als Pastorin genießt die 63-Jährige bei den Älteren ohnehin viel Vertrauen. "Ich sehe Patienten nicht nur als Leidende, sie tragen ja auch den Funken Gottes in sich, und ich habe Hoffnung für sie. Mich haben Lebensläufe schon immer interessiert", sagt Viola Engel. "Anfangs hatte ich viel mit der Kriegsgeneration zu tun – Menschen, die ihre Kinder ja großteils mit viel Härte und Kälte erzogen haben und sich dann wunderten, wenn diese Kinder sie später am Krankenbett oder im Altenheim kaum besucht haben." Sie selber hat, gemeinsam mit ihren Kindern, jahrelang ihre Eltern gepflegt. Beide waren dement.

Erste Pfarrstelle in Arnis

Geboren 1956 in Hamburg-Bramfeld, die Mutter Buchhalterin, der Vater mit baptistischem Hintergrund, die beiden trennten sich bald, blieben aber in Kontakt "und ich ebenfalls", sagt Engel. Als Konfirmandin ließ sie sich von ihrem lettischen Pastor begeistern. Er ermunterte sie zum Leiten von Kinder- und Jugendgruppen und ließ ihr freie Hand dabei, das Interesse an kirchlicher Arbeit war geweckt. Er half ihr auch, als sie fürs Theologiestudium die alten Sprachen büffeln musste. Die erste Pfarrstelle in Rabenkirchen und Arnis teilte sie sich ab 1985 mit ihrem damaligen Mann. "Er war für die Leute der 'Herr Pastor', ich die 'Frau Engel', das hat mich schon manchmal geärgert", sagt sie und zieht kurz die Stirn kraus. In den Jahren dort bekam das Paar ihre beiden Söhne und ihre Tochter. Die wohnen noch heute in Angeln, sieben Engel-Enkel darf die Oma umsorgen und freut sich darauf, bald mehr Zeit dafür zu haben. Vergangenen Sommer ist Viola Engel in eins der früheren Melkerhäuser auf Gut Lindau gezogen, "da wohne ich sogar gleich um die Ecke."

Zerreiß deine Pläne. Sei klug / Und halte dich an Wunder, heißt es im "Rezept" der Dichterin Mascha Kaléko, das Viola Engel sehr mag. Sie sind lange schon verzeichnet / Im großen Plan. / Jage die Ängste fort / Und die Angst vor den Ängsten.

Das musste die Pastorin 2013: ihren Plan zerreißen und die Ängste fortjagen. Denn sie wurde schwer krank. Die Diagnose "Krebs", sie ereilt jedes Jahr eine halbe Million Menschen in Deutschland. "Auch hier in der Klinik müssen sich ja viele nach Krankheit oder Verletzung neu sortieren", sagt Viola Engel. "Und mit diesen Ängsten, der Chemo, den Rückfällen kann ich vieles noch besser nachfühlen als früher. Ich saß zum Beispiel vier Wochen im Rollstuhl, eine fiese Erfahrung. Aber in unserem Café für MS-Kranke verstehe ich jetzt die Nöte und Ängste der Patienten einfach besser."

Propst Funck: Fingerspitzengefühl, Einfühlung, Durchhaltevermögen

Die "Pilgertreppe" aus hellblauen Plakaten hat Viola Engel danach erfunden und aufgehängt – als Inspiration für Patienten, die zunächst aufgezwungenen Wochen in Damp zu nutzen und sich den eigenen Lebensweg bewusst zu machen. Sönke Funck, Propst im Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde, befindet sich zur Zeit selber als Patient in Damp. "Ich höre hier an vielen Stellen von Pastorin Engels segensreichen Wirken. Seelsorgerliche Arbeit im Krankenhaus erfordert ja viel Fingerspitzengefühl, Einfühlung und auch Durchhaltevermögen – von all dem hatte Viola Engel über die Jahre hinweg in besonderem Maße." Der Propst blickt aber auch voraus: "Mit ihrem Weggang wird sich die Krankenhausseelsorge in Damp verändern. Hier in den Kliniken wird ja hochprofessionell für den Körper gesorgt, die Sorge für die Seele kommt da leicht mal zu kurz. Daher bin ich dankbar, dass wir auch künftig Kirche an diesem besonderen Ort sein können und dabei von den VAMED Kliniken Damp unterstützt werden."

Viola Engel selber hat für die Zeit nach ihrem Verabschiedungs-Gottesdienst am kommenden Freitag (31.1. um 13.30 Uhr, Cafeteria der Ostseeklinik Damp) schon eine längere Liste: „Ich möchte Freunde in ganz Deutschland besuchen, zum Beispiel lange wandern mit meiner ältesten Freundin im Schwarzwald. Und lesen, Biographien vor allem. Ich habe auch wieder mit dem Flöten-Unterricht begonnen. Und mein Französisch will ich auffrischen.“

Und dann ins schottische Kloster Iona

Im Sommer geht es außerdem gemeinsam mit ihrem Mann zum Kloster auf der schottischen Hebrideninsel Iona, ihre Entdeckung auf einer früheren Pilgerreise. „Die keltische Spiritualität liebe ich, etwa dieses gleichwertige Nebeneinander von Gott in der Heiligen Schrift, Gott in mir und Gott zwischen uns. Das ist auf Iona in der Abbey mit Händen zu greifen“. Ihre blauen Augen leuchten jetzt. „Als Oma will ich viel Wolle aus Schottland verstricken. Und nach einem Sabbatjahr helfe ich auch gerne als Pastorin meinen Kolleginnen und Kollegen. Viele haben mich in schwerer Zeit so wunderbar unterstützt und Rücksicht genommen, da kann ich vielleicht etwas zurückgeben.“

Der Cappuccino ist ausgetrunken, die graue Ostsee noch ein wenig grauer, denn es regnet vor dem wandgroßen Fenster. Es war ein guter Ort zum Verweilen.

 

 

 

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