Zur Navigation springen Zum Inhalt springen

„Die Menschen sollen nicht ertrinken“

  • Claus-Peter Reisch: „Es geht darum, dass Menschen nicht ertrinken. Wir holen sie aus dem Wasser, bringen sie ans Land und dann können wir weiterreden."
  • Claus-Peter Reisch: „Die Menschen fliehen vor unserer Wirtschaft.“
  • Propst Sönke Funck: „Sie fragen auch nach den Ursachen und der politischen Dimension des täglichen stillen Dramas vor den Küsten Europas.“
  • Walter Wiegand, Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises, bedankte sich nach dem Vortrag bei Claus-Peter Reisch.

Rendsburg – Ein Vortrag von Claus-Peter Reisch ist nichts für schwache Nerven. Auf sieben Missionen hat er als Kapitän im Mittelmeer Menschen gerettet. Menschen, die auf der Flucht waren, auf der Suche nach einem sicheren Hafen, einer Zukunft. Wenn er berichtet, dann ist er schonungslos. Er spricht vom Tod auf dem Meer und von der Verzweiflung der Menschen. Und natürlich von der Mission der zivilen Seenotrettung.

„Es geht darum, dass Menschen nicht ertrinken“, sagt Reisch. „Wir holen sie aus dem Wasser, bringen sie ans Land und dann können wir weiterreden. Zum Beispiel darüber, warum sich die Menschen auf den Weg machen.“ Für ihn ist die Seenotrettung der allerletzte Notnagel, bevor die Menschen sterben. Deswegen spricht er im zweiten Teil seines Vortrags in der Christkirche Rendsburg auch über Fluchtursachen. Propst Sönke Funck fasste es in der Einleitung zum Abend so zusammen: „Sie fragen auch nach den Ursachen und der politischen Dimension des täglichen stillen Dramas vor den Küsten Europas.“ Und Funck zitierte aus der Einleitung zu Reischs Buch „Das Meer der Tränen“, in dem Udo Lindenberg zwei Sorten von Menschen ausgemacht habe: Held oder Arschloch, dazwischen gebe es nicht mehr viel.

Claus-Peter Reisch ist in dieser plakativen Gegenüberstellung ein bodenständiger Held. Er ist eines der Gesichter der zivilen Seenotrettung in Deutschland. Er selbst verweist gleich zu Beginn seines Vortrags darauf, dass es neben ihm viele andere gibt. Besonders zwei Einsätze, auf denen unter seiner Leitung mehr als 300 Flüchtende aus dem Mittelmeer gerettet werden konnten, machten ihn deutschlandweit bekannt. Beide Male suchte er lange nach einem Hafen, der die Geretteten aufnehmen würde. Beide Male musste er sich hinterher vor Gericht verantworten, kam sogar in Haft, wurde zunächst verurteilt, dann jedoch jeweils freigesprochen.

In seinem Vortrag beschreibt Reisch den Ablauf der Rettung von Geflüchteten am Beispiel der gut 100 Menschen, die er mit seiner Crew 2019 auf dem relativ kleinen Motorboot „Eleonore“ aufnehmen konnte. Ein Film des Mitteldeutschen Rundfunks liefert dazu die Bilder. Reisch hält den Film immer wieder an und erklärt Hintergründe. Zum Beispiel, wie die Schlepper die Schlauchboote im Internet kaufen, mit denen dann die Menschen aufs Mittelmeer geschickt werden. Oft führt die Reise in den Tod.

Die Geflüchteten können nicht schwimmen, sind viel zu viele in einem Boot und die Boote selbst für eine solche Überfahrt von der Nordküste Afrikas nach Europa nicht geeignet. Manche werden von der libyschen Küstenwache aufgegriffen, einige gehen unter, ohne dass jemand zu Hilfe kommt. Von diesen Toten spreche niemand, sie gingen nicht in die offiziellen Zahlen ein, so Reisch. Es sei denn, eine Leiche treibe zufälligerweise an einem Schiff vorbei und werde registriert. Die Insassen von einigen dieser Schlauchboote schaffen es aber doch nach Europa. Oft müssen sie vorher aus Seenot gerettet werden. Und hier kommen Boote wie die „Lifeline“ oder die „Eleonore“ ins Spiel, mit denen Claus-Peter Reisch als Kapitän im Mittelmeer unterwegs war.

Wenn dann Menschen gerettet werden konnten – oft unter dramatischen Umständen –, geht die Arbeit für die Seenotretter im Mittelmeer weiter. Es ist nicht nur die Suche nach dem Hafen, sondern die Geflüchteten müssen etwas essen und trinken. Sie leben eine gewisse Zeit auf engstem Raum zusammen und müssen beschäftigt werden. Sonst drohe die Stimmung zu kippen, schließlich sind Boote wie die „Lifeline“ oder die „Eleonore“ nicht für diese Zahl an Menschen an oder auch unter Deck gebaut. Das Ende des Einsatzes der „Eleonore“ kam dann 2019 auch mit einem Unwetter. Nach sieben Tagen der ergebnislosen Suche nach einem sicheren Hafen steuerte Reisch in einem schweren Gewitter einen sizilianischen Hafen an. Die Geflüchteten konnten an Land gehen, Reisch musste zur gerichtlichen Anhörung. Das Schiff wurde beschlagnahmt und die Strafe von 300.000 Euro erst im Juni dieses Jahres von einem Gericht zurückgenommen. Ein Sieg der Menschlichkeit, so Kapitän Reisch.

Im zweiten Teil des Abends spricht er dann von den Fluchtursachen. Er nimmt die Waffenexporte Deutschlands in den Blick, immerhin der drittgrößte Exporteur weltweit. Und spricht von Waffen, die von Rheinmetall zwar nicht in Deutschland aber in Sardinien hergestellt werden. Dann würden sie unter Umgehung deutscher Exportsperren beispielsweise nach Saudi-Arabien geliefert. „Überall wird mit deutschen Waffen geschossen“, sagt Reisch. Und wo geschossen wird, da fliehen Menschen. Aber es sind nicht nur die Kriege, es ist auch die wirtschaftliche Not.

Klar gebe es Wirtschaftsflüchtlinge, so Reisch. „Die Menschen fliehen vor unserer Wirtschaft.“ Er spricht vom billigen Hähnchenfleisch, das nach Afrika exportiert wird, vom Milchpulver und von den Tomaten. Durch die Subventionen der EU können diese Produkte so billig in Afrika verkauft werden, dass die örtlichen Produzenten nicht mithalten können. Und so fliehe der afrikanische Tomatenzüchter nach Europa, wo er in Spanien die billigen Tomaten anbaue, die nach Afrika exportiert werden und zu neuen Fluchtbewegungen führen. „Manche Dinge muss man einfach nicht kaufen“, sagt er.

Aber Claus-Peter Reisch spricht auch von positiven Beispielen. Von der Schokolade von „Fairafric“, die in Ghana produziert wird, von ihm unterstützt. Und von einem Näh-Projekt in Ismir, wo syrische Frauen Geld verdienen, ihre Kinder betreut werden und deren Produkte auch hierzulande gekauft werden können. Denn jeder könne etwas bewegen, sagt Reisch. „Und wenn viele ein wenig bewegen, dann bewegt sich schon ganz schön viel.“ Einen kleinen Beitrag leisten dann auch die Besucherinnen und Besucher des Vortrags von Claus-Peter Reisch. Insgesamt 435 Euro kamen bei einer Sammlung zugunsten von Landsaid zusammen. Reisch unterstützt die Organisation, die mit dem gespendeten Geld Essenspakete für Geflüchtete in türkischen Lagern kaufen kann.

Interessante Links

Kirche im Norden